Die Theater-AG des RBG lädt zu Schnuppertagen ein: Vier Termine an zwei Tagen (30.06. / 01.07.), jeweils dreißig Plätze. Ich bin interessiert und melde mich gleich mal für den ersten Termin an: freitags, 17:30.
Was mich wohl erwartet? Zu Beginn treffen wir uns im Atrium. Ich sehe mich um: Die Dekoration ist reduziert, einige Kulissenelemente kann ich erkennen. Was wird hier gespielt? Ein Mitglied der AG, Tobias R., begrüßt uns. Er wird uns als „Conferencier“ durch diesen Schnupperabend und die einzelnen Handlungsorte führen. Wir werden als neue Kurzzeit-Mitglieder für die nächsten 90 Minuten in die AG aufgenommen. Dann gehts auch schon los: Ein kurzer Kampf vor den Füßen des stehenden Publikums, eine Person bleibt verletzt zurück. Ortswechsel nach oben zur Galerie.
Dort sind wir in der Zentrale einer Londoner „Firma“, geführt von einem knallharten Kapitalisten, der aus dem Betteln ein Geschäftsmodell gemacht (heute würde man sagen: es monetarisiert) hat und den wir „P“ nennen wollen (sehr glaubwürdig gespielt von Nele W.). P will der „Verhärtung der menschlichen Herzen“ entgegnen, indem er die „Elenden“ so ausstattet, dass sie möglichst viel Mitgefühl (und Bettelerfolg) erregen. Seine Tochter P. P. (fantastisch als etwas naives Blondchen: Marie Z.) ist allerdings über Nacht nicht nach Hause gekommen und der ehrenwerte Geschäftsmann mit Zylinder und Gehstock ahnt Schlimmes.
Zu Recht: P.P. hat sich mit dem obersten Verbrecher Londons, wir nennen ihn MM (wunderbar durchtrieben und zugleich ironisch gespielt von Jan P. ), eingelassen. Sie feiern ausgelassen tanzend mit der zwielichtigen Bande von MM eine etwas absurde Hochzeit in einem Pferdestall, mit Pfarrerin im Talar und Bibel. Uns Praktikanten schwant schon: da stimmt was nicht.
Tatsächlich: als der beste Freund von MM, der oberste Polizeichef „Tiger“ B (expressiv und überkandidelt: Thomas F.) vorbeischaut, wird die frisch angetraute Braut beiseite geschoben. Der unfreiwillige Schwiegervater P, der von dieser Freundschaft nichts weiß, aber in MM eine Art schmutzigen Konkurrenten im Unterwelt-Business sieht, und die Hochzeit als Farce durchschaut, plant nun die Verhaftung MMs. Seine völlig verliebte Braut warnt MM allerdings. Dieser erklärt ihr zwar, dass er alle in der Hand hat und jeden erpressen kann, taucht dann aber unter. Da er jedoch ein Mann von Prinzipien ist, erscheint er pünktlich donnerstags in seinem Stammcafé (dem Schülercafé), wo seine Truppe ihn feiert, sich über seine endlos lange Liste mit Straftaten amüsiert, während wir als Komparsen Gäste sein dürfen. Seine Ex-Geliebte J. (Elif G.) verrät ihn und die Polizei greift nach kurzer Verfolgungsjagd zu.
Im Gefängnis prallen seine eifersüchtige Geliebte L und seine neue Frau P.P. keifend aufeinander. MM hat alle Mühe, beide abwechselnd zu besänftigen. Hier hat der Polizeichef seinen von vielen Luftsprüngen gekennzeichneten großen Auftritt: Was soll er tun? Er kann MM nicht freilassen, steht aber in seiner Hand und hat ihm Treue und Hilfe versprochen. MM löst das Dilemma, indem er einfach flieht.
P.P. besucht ihre Rivalin L. nun zuhause (Schulbibliothek), weil sie hofft, einen Tipp zum Aufenthaltsort ihres Mannes zu erhalten. Sie erfährt zunächst Verständnis, dann kommt es aber doch zum Duell der beiden Frauen zwischen Bücherregalen um einen Mann. Nur allmählich realisiert P.P., dass MM es nicht ernst mit ihr meint.
Es kommt, wie es kommen muss: MM wird erneut verhaftet, in einer Schattenspielszene, in der ihn seine engsten Freunde im Gefängnis besuchen, wird er sich seiner Lage bewusst. Die Szene wird zum Tribunal: in der Mitte erhöht auf einem Sessel als Anklagebank (oder Schafott?) MM, über ihm baumelt symbolträchtig die Galgenschlinge. Ankläger und Verteidiger treten auf und halten ihre Plädoyers für oder gegen seine Verurteilung zum Tod: Natürlich sind die hintergangene L., sein Erzfeind P. dafür, natürlich sind seine immer noch verliebte Frau P.P. und auch der korrupte Polizeichef B dagegen.
Es gibt ja auch noch uns – die Schnuppergäste, und wir dürfen abstimmen: Schuldig oder nicht schuldig? Ich stimme mit der Mehrheit für schuldig und bin schon gespannt, wie die Hinrichtung wohl umgesetzt werden wird – aber nein! Ein Bote der Königin stoppt im letzten Moment die Verurteilung und begnadigt MM. P. stellt die Frage in den Raum: Ist das gerecht? Wer sind die wahrhaft Schuldigen? Die das Elend zulassen oder die darin leben? Die Bankräuber oder die Bankgründer? Was ist gerecht? Mit dieser Frage endet das Stück.
Großer Applaus für ein großartiges Spiel: das war ein toller Einblick in das Können der Theater-AG. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler agierten dynamisch, mutig, mit viel Bewegung und mit großer Selbstverständlichkeit ganz ohne Bühne und klarer Trennung zu einem Publikum. Es gab häufige Orts- und Positionswechsel, mal konnte man sitzen, mal stand man, häufig waren die Szenen in das Publikum hinein gespielt, wir „Schnuppermitglieder“ wurden so zum Teil des Stücks. Und es gab auch kleine Rollen für Spontane.
Ich bin beeindruckt, wie kreativ, lustig und temporeich die Theater-AG um Leiterin Julia Weizmann ein sehr bekanntes Theaterstück adaptiert, inszeniert und gespielt hat. Ein Schnupperabend, der sich auf jeden Fall gelohnt hat!