Eberhard Kleinmann, ev. Religionslehrer am RBG, ist für den Israel-Austausch verantwortlich. Hier gibt er einen Einblick in die aktuelle Situation in Israel ein Jahr nach dem Überfall der Hamas vom 07. Oktober 2023 und die Zukunft des Austauschs
Vor einem Jahr, am 07. Oktober 2023, verübte die Hamas einen grausamen terroristischen Anschlag auf Israel. Seither hält der Gaza-Krieg die Welt in Atem. Inwiefern waren wir als RBG davon betroffen?
Wir waren und wir sind es ganz direkt: Am 7. Oktober wollte ich eigentlich die letzten Vorbereitungen für die Israelreise der damaligen Austauschgruppe treffen. Aus der Reise wurde dann natürlich nichts. Und eigentlich würde unter normalen Umständen in ein paar Tagen eine Gruppe Israelis zum Schüleraustausch nach Gerlingen kommen, was aber eben leider auch nicht möglich ist.
Aber viel wichtiger ist, dass einige unserer Schüler und Kollegen sich seit einem Jahr um ihre Freunde in Israel und deren Familien sorgen.
Was war damals dein erster Gedanke?
Für ein paar Stunden, solange noch unklar war, was sich rund um den Gazastreifen abspielte, hatte ich noch die naive Hoffnung, dass es sich um ein regionales Ereignis handeln würde und wir trotzdem reisen könnten. Tatsächlich hat dieser Tag jedoch ganz Israel für immer verändert.
Es gab ja dann eine Solidaritätsaktion an unserer Schule. Welche Reaktionen gab es darauf bei den Israelis?
Was bei unseren israelischen Freunden selten vorkommt: Sie waren einfach sprachlos. Ein knappes „amazing, just amazing“ habe ich noch im Ohr. Ähnlich waren übrigens die Reaktionen auf die vielen, von unseren Schülern gestalteten Blätter, die ich zuerst digital und dann im Januar in Papierform übermitteln konnte.
Wie hat sich das Leben im Norden Israels, in dem unsere Partnerschule liegt, seit dem 7. Oktober 2023 verändert? Unmittelbar nach dem Überfall der Hamas im Süden begann der Beschuss von Israels Norden durch die Hisbollah. Unsere Partnerschule ist seit dem 8. Oktober geschlossen, war dann zuerst weiter südlich, an drei verschiedenen Standorten, untergebracht. In diesem Schuljahr konnte der Unterricht in einem provisorisch umgebauten Industriegebäude in einem Gewerbegebiet etwa 30 km südlich von Dafna wieder aufgenommen werden.
Viele Schüler und Lehrer und deren Familien sind seit dem 8. Oktober evakuiert. Entweder sind sie bei Verwandten untergekommen oder wurden sie in Hotels untergebracht, jeweils eine Familie in einem Zimmer. Viele haben sich inzwischen ein neues Zuhause gesucht, nachdem ihre Häuser in den Ortschaften an der Grenze inzwischen zerstört sind.
Viele der Schüler haben Väter und Geschwister, die beim Militär sind oder als Reservisten immer wieder für einige Zeit eingezogen werden. Einige unserer Kollegen gehören zu den „First Response Teams“ der Kibbuzim. Praktisch bedeutet dies, dass sie tagsüber unterrichten und nachts ihre Ortschaften bewachen. Wobei der Unterricht immer wieder für Tage abgesagt werden muss, weil der Beschuss aus dem Libanon zu stark ist.
Du pflegst auch ganz direkt Freundschaften zu Kollegen unserer Partnerschule. Wie genau sieht euer Kontakt aus? Über was sprecht ihr?
Meistens schreiben wir einander Whatsapps. In diesen geht es um alles Mögliche von Fußballergebnissen bis zu den Militäreinsätzen der Söhne. Ganz oft geht es um Angst und noch häufiger um eine tiefe Erschöpfung nach einem Jahr voller Angst.
Gab es direkt Betroffene in der dortigen Schulgemeinschaft (vom Anschlag bzw. im Militärdienst seither)?
Wahrscheinlich gibt es in Israel keine einzige Familie, die nicht direkt oder indirekt von den Ereignissen des 7. Oktobers betroffen ist. Bei meinem Besuch im Januar konnte ich drei Schüler treffen. Der Bruder der einen Schülerin wurde am 7. Oktober schwer verletzt und lag im Januar noch im Krankenhaus, der Bruder eines anderen Schülers ist als Soldat im Dezember gefallen.
Du bist dann Anfang Januar 2024 selbst nach Israel gereist. Warum und was waren deine Eindrücke?
Seit dem 7. Oktober befindet sich Israel an zwei Fronten in einem Krieg, den es nicht begonnen hat. Gleichzeitig fegt eine Welle von Judenfeindlichkeit um den Globus. Israelis (und Juden weltweit) fühlen sich entsetzlich allein und mit dem Rücken zur Wand. Dieses Gefühl wollte ich bei meinen Freunden ein wenig aufbrechen.
Ich denke auch, wenn wir jetzt, in dieser Situation, nicht unsere Verbundenheit mit unseren Freunden deutlich zeigen, brauchen wir nach dem Krieg nicht mehr mit dem Thema Austausch um die Ecke zu kommen.
Ganz kurz zusammengefasst, lassen sich meine Eindrücke so beschreiben: An der Oberfläche funktioniert der Alltag nahezu wie gewohnt, einschließlich Restaurantbesuchen und Geburtstagsfeiern. Aber unter dieser Oberfläche lauert die nackte Angst vor einem neuen Holocaust.
In deutschen Medien wird der Krieg in Gaza immer wieder auch kritisch diskutiert im Hinblick auf die Verhältnismäßigkeit und zivile Opfer. Sprichst du über sowas mit deinen israelischen Freunden?
Anders als in früheren Auseinandersetzungen sind die Israelis, mit denen ich gesprochen habe, zurzeit emotional nicht dazu in der Lage, sich mit dem Leid auf der anderen Seite auseinanderzusetzen. Dafür haben sie mit sich selbst viel zu viel zu tun. Dafür haben aber auch die Bilder von der jubelnden Bevölkerung in Gaza gesorgt, als die israelischen Geiseln durch die Stadt geschleift wurden.
Natürlich findet im Nahen Osten gerade ein Krieg statt, der wie alle Kriege unzählige unbeteiligte Menschen das Leben oder die Gesundheit kostet, sie entsetzlichen Ängsten aussetzt und in schlimme materielle Not stürzt. Aber zugleich gibt es wahrscheinlich in der gesamten Weltgeschichte keine Armee, die bei ihren Einsätzen so hohe humanitäre Standards anlegt wie die israelische: Welche kriegführende Partei hat jemals die Zivilisten der Gegenseite per Telefon vor Angriffen gewarnt? Die Israelis tun dies seit einem Jahr. Zudem weisen sie humanitäre Schutzzonen aus und haben im Gazastreifen vierzehn Feldlazarette für die Zivilbevölkerung in Betrieb.
Dabei legt es die Hamas in ihrer Kriegsführung darauf an, dass möglichst viele palästinensische Zivilisten in Mitleidenschaft gezogen werden, um Israel vor der Weltöffentlichkeit in ein möglichst schlechtes Licht zu rücken.
Wie geht es mit dem Austausch weiter? Wie versucht ihr als Austauschteam, dennoch die Austauschidee lebendig zu halten?
Im Augenblick fahren wir auf Sicht. Am RBG haben wir eine neue Austauschgruppe gebildet, die Israelis sind gerade dabei. Zwischenzeitlich bereiten wir uns hier, in der deutschen Gruppe, auf den Kontakt zu den Israelis vor. Wenn wir so weit sind, starten wir mit digitalen Formaten. Aber sobald dies möglich ist, freuen wir uns auf einen Besuch der Israelis bei uns in Gerlingen oder auf ein Treffen an einem dritten Ort.
Aber ich gehe davon aus, dass sich unser Austausch in Zukunft ganz grundlegend verändert: Bislang hatten wir mit Enkeln und Urenkeln von Holocaust-Überlebenden zu tun, die doch einigen Abstand zu den damaligen Ereignissen hatten. Nun haben wir es mit einer neuen ersten Generation von Menschen zu tun, die Todesangst erlebt haben, weil sie Juden sind. Wir werden auch in Zukunft während der Austausche Bowling spielen und lachen. Aber unter dieser Oberfläche wird bei unseren israelischen Freunden eine Erfahrung liegen, der wir nicht ausweichen können, wenn unser Austausch eine Zukunft haben soll.
Was brauchen unsere israelischen Freunde? Wie könnten wir ihnen helfen?
Mehr als alles andere brauchen sie unseren verlässlichen Kontakt. Und sie brauchen unser Gebet.
Seit Mitte September konzentriert sich die israelische Armee auf den Norden und die Grenze zu Libanon. Wie wird das vor Ort von den Betroffenen gesehen? Steigt die Hoffnung auf Rückkehr in die Häuser?
Im Norden Israels hatte man seit einem Jahr davor Angst, dass sich die Kämpfe intensivieren. Aber noch viel größer war die Angst, dieser Krieg könnte zu Ende gehen, ohne dass die Hisbollah entscheidend geschwächt wurde. Niemand kann es sich mehr vorstellen, wieder in sein Haus (oder was davon übrig ist) zurückzukehren mit der Hisbollah in Sichtweite. Insofern steigen im Augenblick zugleich Angst und Hoffnung.
Zum Abschluss: Wenn du einen Wunsch hättest in Bezug auf den Konflikt in Israel – Wie sähe der aus?
Natürlich wünsche ich den Menschen in Dafna und Jerusalem, in Gaza und Beirut vor allem eines: Schalom – Frieden.









